
Interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie gilt in Deutschland häufig als besonders umfassende Behandlung chronischer Schmerzen. Ein Fachbeitrag in der Zeitschrift Schmerzmedizin nimmt die Ergebnisse der Studie PAIN2020 zum Anlass, diesen Anspruch kritisch zu prüfen.
An PAIN2020 nahmen an 28 Schmerzzentren 1.010 Erwachsene mit erhöhtem Chronifizierungsrisiko teil. Sie erhielten entweder ein Assessment durch Schmerzmedizin, Psychologie und Physiotherapie oder eine unimodale ärztliche Diagnostik im Rahmen der qualifizierten Regelversorgung. Nach sechs Monaten lagen Daten von 696 Teilnehmenden vor. In beiden Gruppen besserten sich Schmerzintensität und funktionelle Einschränkungen, ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen zeigte sich jedoch nicht. Bei psychologischen Faktoren gab es Hinweise auf Vorteile der interdisziplinären Gruppe, diese waren statistisch nicht abgesichert. Die begrenzte Fallzahl schränkt die Aussagekraft zusätzlich ein.
Der Autor versteht das Ergebnis nicht als Absage an spezialisierte Schmerzmedizin. Er warnt aber davor, eine frühe multimodale Behandlung automatisch als ersten Weg für alle Betroffenen anzusehen. Eine strukturierte und aktivierende haus- oder fachärztliche Versorgung könne für viele Menschen wirksam sein. Multimodale Programme sollten gezielt eingesetzt werden, wenn die ambulante Versorgung nicht ausreichend hilft, der Verlauf besonders komplex ist oder starke funktionelle Beeinträchtigungen bestehen. Wegen der biologischen Vielfalt chronischer Schmerzerkrankungen fordert er zudem mehr Forschung zur Auswahl passender Therapien.
Für Betroffene bedeutet das vor allem: Es gibt wahrscheinlich nicht den einen Behandlungsweg, der für alle Menschen mit chronischen Schmerzen gleichermaßen geeignet ist. Wichtig bleiben eine sorgfältige Diagnostik, nachvollziehbare Therapieziele und eine stufenweise Versorgung, die an Wirkung und individuelle Bedürfnisse angepasst wird.

Der Artikel erschien zuerst auf springermedizin.de


